Um gar nicht lange damit hinter dem Berg zu halten: der Erste-Hilfe-Kurs der KJV-Akademie war ein voller Erfolg. Und das lag in erster Linie an den beiden vortragenden Ärzten: Dr. Jonas Johannink und Dr. Markus Küper. Was also ist zu tun bei Notfällen im Revier? Drei Stunden waren veranschlagt, um bei den Teilnehmern das Nötigste wieder in Erinnerung zu rufen - aus den drei Stunden wurden gut vier. Das aber auf ausdrücklichen Wunsch der versammelten Jägerinnen und Jäger. Denn an diesem Nachmittag war das niemandem eine Minute zu lang. Jonas Johannink und Markus Küper vermieden abgehobene akademische Attitüden und erklärten in klaren Worten und eindringlichen Merksätzen, worauf es ankommt.
„Lieber gut drücken als schlecht beatmen“
Sie fassten dieses grundlegende Wissen in leicht merkbare Grund-Sätze. Das man zum Beispiel in Notfallsituationen die Herzmassage bevorzugt, statt bei ausbleibender Atmung mit Wiederbeatmung zu arbeiten. Im Vordergrund stand vor allem, was in den Minuten zu tun ist bevor professionelle Ersthelfer eintreffen. Und da steht bei Menschen ohne erkennbare Atmung die Herzmassage (im Medizindeutsch auch „kardiopulmonare Reanimation“) im Mittelpunkt. Was beim Kurs auch direkt in der Praxis am Dummy ausprobiert werden konnte. Viele der Teilnehmenden hatten das seit der Führerscheinprüfung nicht mehr praktiziert: Im Rhythmus des Songs „Staying Alive“ ist die Herzmassage durchzuführen, das sind 120 „Drücke“ in einer Minute. Die praktische Aufgabe im Kurs: das Ganze zwei Minuten (also 240 mal drücken) lang durchzuhalten. Was schwieriger ist, als es klingt, denn auch die Ersthelfer geraten da leicht außer Atem.
„Toter als tot geht nicht“ (Markus Küper)
Aus dem Plenum wurde bei der Übung die Frage laut, ob man da nicht mehr zerstöre, ob etwa Rippen brechen könnten. Antwort der Experten: Es knackt immer mal beim Drücken. Aber man könne jemanden nicht toter als tot machen. Wichtig sei, das als erstes zu behandeln, was als erstes zum Schlimmsten führen kann. Also zuerst das behandeln, was am schnellsten tötet. Treat first what kills first.
Wo bin ich eigentlich?
Das ist nicht die Frage der wiederbelebten Person - sondern viel häufiger die der Helfenden. Eine wichtige Übung bestand daher in einer verbalen Prüfung: sag der Leitstelle (112 per Telefon), die Du rufst, ganz genau wo du bist. Gib eine präzise Beschreibung des Notfall-Ortes. Gar nicht so leicht, wie die Teilnehmer schnell merkten. „An der großen Buche links“ ist halt wenig hilfreich. Über das Handy lässt sich da schon deutlich mehr erreichen, das kann in der Regel von der Leitstelle geortet werden. Apps wie „Hilfe im Wald“ sollte man auf dem Handy haben, um naheliegende Rettungspunkte angeben zu können.
„Um die Ecke bringen und kalt machen“ (Jonas Johannink)
Sehr häufig geht es bei typischen Jagdunfällen um Situationen, in denen die Verletzten bei Bewusstsein sind. Bei Knochenbrüchen etwa kann man dem Verunfallten auch dadurch helfen, dass man ihm zutraut, die richtige Position für beispielsweise den gebrochenen Arm zu finden. Dann gilt: „Der Schmerz des Patienten ist sein Schmerz, er darf mit dem Schmerz machen, was er will“ (Markus Küper). Das gilt für Knochenbrüche oder auch für allergische Reaktionen wie etwa bei Wespenstichen. Dann ist es wichtig, den Patienten in einer sicheren Ecke zu lagern, den kalten Waldboden von unten abzudichten und für Wärme oder Kälte (beim Hitzschlag etwa) zu sorgen. Bei Bewusstlosigkeit gilt es, die Patienten schnell in eine ruhige Position zu bringen - dabei hilft der Klassiker: die stabile Seitenlage. Dabei zeigte sich, dass man das Verbringen in die Seitenlage am besten direkt am Menschen übt - wie an diesem Samstagnachmittag im Ausbildungsraum der KJV Tübingen.
Was tun, wenn Blut läuft?
Dann wird der Blutfluss unterbunden - zur besseren Erinnerung nahm man da das Bild vom Gartenschlauch mit nach Hause: Wenn der Schlauch abgedrückt wird, kommt kein Wasser mehr raus. Der Druckverband ist dann das Mittel der Wahl, möglichst mit einer Binde und den Händen im Handschuh. Wobei auch die Möglichkeit der Verkeimung durch die Hände dahinter zurück tritt, dass die Blutung zum Stillstand gebracht werden muss. Selbst wenn das nicht vollständig gelingt: 200 Milliliter in einer halben Stunde zu verlieren ist immer noch deutlich besser als zwei Liter in derselben halben Stunde. Das Tourniquet (zu gut deutsch: der Schraubknebel) zum völligen Abbinden etwa eines Oberschenkels ist allerdings dermaßen schmerzhaft, dass Patienten, wenn sie noch bei Bewusstsein sind, sich mit aller Kraft dagegen wehren.
Lieber Umsicht als Nachsicht
Am sinnvollsten ist es immer noch, wenn Unfälle erst gar nicht passieren. Also beim Ansitz immer und ausnahmslos darauf achten, dass der funktionstüchtig ist. Beim Aufbaumen wie Abbaumen immer das Gewehr unterladen oder entladen führen. Auch wenn Schusswunden in den Statistiken fast gar nicht auftauchen - weil Jägerinnen und Jäger sich eben fast immer an diese Vorgaben halten. Noch gefährlicher als das Gewehr ist der zu sorglose Umgang mit der Kettensäge, der immer wieder zu allerübelsten Verletzungen führt. Auch wichtig: bei Gewitter und Sturm ist der Ansitz ein hochgefährlicher Platz! Dann hat man da nichts verloren. Und die Erfahrung zeigt, dass selbst Tage nach dem Sturm noch Bäume umstürzen. Mit der nötigen Umsicht also ist vieles vermeidbar. Dazu gehört auch, das Notwendigste im Rucksack bei sich zu führen. Das ist gar nicht mal so viel: Ein/zwei Mullbinden, Gummihandschuhe, eine Schere, Pflaster für kleinere Schnittverletzungen.
Fazit: Unbedingt wiederholen!
Bei Kaffee und sehr leckerem Kuchen (an dieser Stelle Dank den Caterern!) einen Samstagnachmittag lang von ausgesprochenen Experten so hochwertig unterrichtet zu werden, ist schon ein lehrreiches Vergnügen. Oder vergnügliche Lehrstunde. Jonas Johannink, selbst auch ausgebildeter Notfallsanitäter, und Markus Küper, seines Zeichens Kreisjägermeister, haben sich da sehr viel Zeit genommen, um das notwendige Wissen in Erinnerung zu bringen. Und im Rahmen der Akademie der KJV Tübingen werden beide das auch wieder anbieten. Zu empfehlen ist die Teilnahme allen, die mit Vernunft und Umsicht auf die Jagd gehen wollen.













