Jagdhunde - Freiheit durch Konsequenz: Ein Gespräch über Führung, Vertrauen und waidgerechte Ausbildung

Seit Januar 2026 ist Sabine Mesick Hundeobfrau der Kreisjägervereinigung Tübingen. Seit 1993 führt sie Diensthunde bei der Bundespolizei und ist als Pächterin am Albtrauf jagdlich aktiv. Im Gespräch erläutert sie, was moderne Jagdhundeausbildung heute bedeutet.

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Seit Jahrhunderten gehört der Hund zur Jagd. Er sucht, findet, stellt und bringt. Doch mit dem Wandel der Jagd verändert sich auch die Rolle des Jagdhundes. Nur wer seinen Hund richtig führt, macht ihn brauchbar – und gewährt ihm echte Freiheit.

Sabine Mesick ist die neue Hundeobfrau der Kreisjägervereinigung Tübingen. Seit 1993 führt sie Diensthunde bei der Bundespolizei und ist als Pächterin am Albtrauf jagdlich aktiv. Im Gespräch erläutert sie, was moderne Jagdhundeausbildung heute bedeutet.

Frau Mesick, wie hat sich der Einsatz und die Haltung von Jagdhunden im Laufe der Zeit verändert?

Früher war der Jagdhund in erster Linie ein reiner Gebrauchshund. Er lebte meist im Zwinger und hatte seine klar definierte Aufgabe. Nähe zum Führer oder gar Familienanschluss waren unüblich. Das Verhältnis war von Dominanz geprägt. Der Hund musste gehorchen – ohne Diskussion.

Ein gutes Beispiel ist die sogenannte Schärfe. Hunde wurden gezielt dazu erzogen, Wild und Beute zu verteidigen, notfalls auch gegen Menschen. Der Hund musste seinen Führer und das erlegte Stück schützen. Konzentration auf den Herrn war überlebenswichtig. Diese Art der Haltung zeigt sehr deutlich, wie sehr sich unser Bild vom Jagdhund verändert hat.

 

Wie sieht der typische Jagdhund heute aus?

Heute lebt der überwiegende Teil unserer Jagdhunde im Haus oder in der Wohnung, mitten in der Familie. Der Hund ist nicht mehr nur Werkzeug, sondern Partner. Er begleitet seinen Führer im Alltag und unterstützt ihn im Revier.

Das stellt höhere Anforderungen an beide Seiten. Der Hund muss gesellschaftsfähig sein und dennoch zuverlässig arbeiten. Das gelingt nur mit sauberer Ausbildung und klarer Führung.

 

Kann das in der Praxis wirklich funktionieren?

Ja, aber nur mit ernsthaftem Einsatz. Es braucht Geduld, Fleiß, Sachverstand und Konsequenz – vor allem aber Empathie für den Hund.

Jagdhunde sind seit Generationen auf Leistung gezüchtet. Sie sind selbstbewusst, bewegungsfreudig und mental stark. Wer das nicht berücksichtigt, wird Probleme bekommen. Eine halbherzige Erziehung rächt sich – für den Führer und für den Hund.

 

Wie läuft eine gute Erziehung konkret ab?

Der erste Schritt liegt immer beim Menschen. Der Führer muss lernen, wie sein Hund denkt und lernt. Ohne dieses Wissen ist jede Ausbildung ein Stochern im Nebel.

Im zweiten Schritt erarbeitet man gemeinsam mit dem Hund den Weg zum Ziel. Das ist kein starres Schema, sondern ein Prozess. Jeder Hund ist anders.

Im dritten Schritt geht es um Festigung. Der Hund muss das Gelernte behalten und unter allen Bedingungen zeigen. Genau hier trennt sich oft die Spreu vom Weizen.

 

Welche Aufgabe hat der Trainer dabei?

Ich sehe mich in erster Linie als Erklärer. Ich vermittle Grundlagen über Lernverhalten, Entwicklung und Motivation. Fast jeder junge Hund kann mit sachgerechter Führung zu einem brauchbaren Jagdhund ausgebildet werden.

Aber das bedeutet tägliche Arbeit. Präsenz. Konsequenz. Immer wieder dieselben Abläufe. Die alte Weisheit gilt unverändert: „Wie der Herr, so der Hund.“

 

Was bedeutet Konsequenz im jagdlichen Alltag?

Gerade junge Hunde testen ständig Grenzen aus. Gegenüber Artgenossen ebenso wie gegenüber Menschen. Dabei zeigen sie häufig körperliches Dominanzverhalten.

Hier darf man nicht zögern. Es muss sofort und klar reagiert werden – ruhig, bestimmt und hundegerecht. Gewalt, die Schmerzen verursacht, ist tabu. Sie zerstört Vertrauen und Leistungsbereitschaft.

 

Bleibt bei so viel Disziplin noch Raum für Freiheit?

Gerade dann. Ein Hund kann nur frei sein, wenn er seine Grenzen kennt. Er muss wissen, wer führt und woran er sich orientieren kann.

Ein wohlerzogener Jagdhund ist deshalb verträglich, ruhig und sicher im Gehorsam. Er darf frei laufen, weil sein Führer sich auf ihn verlassen kann – auch unter jagdlicher Ablenkung.

 

Lohnt sich dieser Aufwand wirklich?

Unbedingt. Hunde sind aus der Jagd nicht wegzudenken. Der alte Spruch gilt weiterhin: „Jagd ohne Hund ist Schund.“ 

Jeder Jäger muss Zugriff auf einen brauchbaren Hund haben. In der KJV besteht die Möglichkeit, auf geprüfte Hunde zurückzugreifen – auch ohne selbst einen zu halten.

 

Was bedeutet Ihnen persönlich die Arbeit mit Hunden?

Sie ist Ausgleich, Herausforderung und Leidenschaft zugleich. Sie fordert Körper und Geist. Im Dienst wie im Revier. Für mich gibt es kaum etwas Erfüllenderes.

 

Wann starten Sie mit der Ausbildung in der KJV?

Für Beratung stehe ich allen Mitgliedern ab sofort zur Verfügung. Im Frühjahr beginnt die Junghundeausbildung mit Modul 1.1 der allgemeinen Brauchbarkeit. Anmeldungen und Anfragen richten Interessenten bitte an hundewesen(at)kjv-tuebingen.de. Informationen zu den Kursen folgen demnächst auf der Homepage.

 

Das Gespräch führte Heiko Schwöbel