Weg mit dem Finger! Erfahrungen eines Unbegabten.

Bericht eines Teilnehmers aus dem diesjährigen Jagdkurs.

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Nochmal Abitur also. Oder auch zum ersten Mal. Zwar nicht das richtige Abitur. Aber das grüne Abitur reicht ja auch. Was für eine Stoffmenge! Und die 24 angehenden Jungjägerinnen und Jungjäger kriegen es allmählich mit den Nerven zu tun. Naja, viele zumindest. Es gibt natürlich die ganz Coolen, die sich ihre berechtigte Coolheit mit Fleiß erarbeitet haben. Richtig Respekt findet Tilo T. (Alle Namen von der Redaktion aus Gründen der Diskretion geändert), der nicht nur perfekt schießt - sondern auch noch den gesamten Stoff bereits intus hat. Er wusste, was da kommt, und er hat etwas getan, was kaum noch vorkommt: er hat vorher gelesen, was zu wissen war. „Alles gut“ ist seine Antwort, wenn man ihn fragt, ob alles gut sei. Und dann stellt er sich an den Schießstand, trifft zehnmal den Keiler und es nervt ihn, dass er nicht zehnmal in die Zehn getroffen hat. Das sind dann die Momente, in denen man als schießtechnisch Unterbegabter nach Hause gehen möchte, um dort Karotten zu schälen. Oder ein Loch im Garten zu graben. Irgendwas machen halt, was man einigermaßen kann. 

Denn es gibt solche wie mich. Völlig überfordert, mental von der Menge des Stoffes und motorisch von der Vorrichtung mit der Bezeichnung „Abzug“, die schon meine Kinderhände an den Fasnachtswaffen magisch angezogen hat. Wo soll man denn sonst mit dem Zeigefinger hin? Dass der nicht in die Nase gehört, weiß ich seit frühester Kindheit. Aber Spielzeugwaffen fanden nicht die Aufmerksamkeit der Menschen, die mich auf`s Leben vorbereitet haben. Und richtige Waffen schon gar nicht. Also lange ich an den Abzug. Und falle täglich fünfmal durch die Prüfung. Seit Wochen verweigere ich die Aufnahme von Alkohol. Der Geist muss scharf bleiben und den Finger überwachen.

Es gibt sie, die Coolen, weil gut vorbereiteten. Menschen, die vorher Mathematik studiert haben, oder die als professionelle Handwerksmeister wie Archibald A. (die Namen, wie erwähnt, bleiben von der Redaktion geändert) die Sorte Hände haben, die schnell begreifen: wie so ein Drilling funktioniert, zum Beispiel, oder warum die Beretta gesichert ist, auch wenn der Hahn Richtung Patronenlager geführt wird. Oder wie man eine Kipplaufwaffe auseinander montiert und dann wieder zusammen bastelt. Aber auch Archi A. sagt, dass "die Aufregung jetzt zunimmt“. 

Denn heißt das überhaupt Patronenlager? Hat nicht neulich jemand das Ganze fünfmal in Folge Kammer genannt? Die Nervosität nimmt jetzt genauso zu, wie das Wortgedächtnis an Schärfe verliert. Kammerstengel, Laufhakenverschluss, Greener-Verschluss oder Greener-Sicherung. Aber gibt’s die überhaupt? Immer noch stehen die angehenden Jungjägerinnen bei der Waffenhandhabung beieinander und sind sich darüber uneinig.

Diese Waffenhandhabung findet samstags statt. Nach vier Stunden Jagdrecht. Also in einem Zustand großer intellektueller Ermattung. Wenn die Konzentration auf dem Tiefpunkt ist. Dann kommt noch Waffenhandhabung. Vier, fünf sind ruhig, wissen, was zu tun ist. Ein ruhiger, nachdenklicher Mensch, der irgendwann wohl Pfarrer wird oder Religionslehrer und körperlich sehr lässig beim Super-Bowl mitspielen könnte, dieser sehr ruhige Mensch sagt also zum waffenhandhabenden Autor: „Vielleicht einfach nicht soviel reden.“ Eine halbe Stunde später sagt die genauso kluge dreifache Mutter Binny B. (Namen von der Redaktion geändert) das genaue Gegenteil zu mir: „Sag einfach immer genau, was du machst bei der Waffenhandhabung“. Und selbst die smarte Mathematikerin weiß manchmal nicht mehr, wo ihr der Kopf steht: „Neulich habe ich bei einer grünen Ampel einfach angehalten. Bei grün! Einfach angehalten.“

Die Nervosität nimmt zu - die Fehlhandlungen auch. Es gibt sehr, sehr viele Wahrheiten und Vorschläge, die gemacht werden. Der dringendste dreht sich um den rastlos suchenden Zeigefinger. Tröstlich ist, dass ich nicht der einzige bin, der über diesen Finger stolpert. Also halte ich jetzt seit Wochen den Finger gerade. Was sowieso eine gute Übung ist, denn der gerade Finger, soviel habe ich herausgefunden, ist das überzeugendste Argument, wenn man in Jagdrechtsfragen gerade nicht weiter weiß. „Dann lässt man den Finger gerade“. Nach einer oberflächlichen Schätzung ist das der am zweithäufigsten genannte Satz in diesen Wochen. Der häufigste ist der nach der Länge von 20 Zentimetern. Am Anfang wurde da noch verhalten gelacht. Jetzt lacht keiner mehr. Denn Ende Februar wird es ernst. Dann muss man nicht auf zwanzig Zentimeter genau sein. Sondern auf hundert Meter. Die Hälfte des Kurses ist verhalten zuversichtlich. Die andere Hälfte wünscht sich dringlich den nächsten Urlaub herbei.

Schön ist, dass so viele Frauen dabei sind. Man(n) kann sich ihnen besser anvertrauen. Und lernt von ihnen, das es auch andere gibt, die nicht wissen, wie sie in den paar verbleibenden Wochen diese Prüfung schaffen sollen. Die kluge Juristin, die erzählt, dass sie jetzt nicht mehr so lange von ihrer Familie weg bleiben kann. Die alles weiß und dennoch sagt, sie wisse nichts: „Ich hoffe, dass es bald vorbei ist. Die Prüfung muss ich auf Anhieb schaffen’. Und dann gibt es tröstliche Szenen, weil es plötzlich Tränen beim Schießen gibt und die dreifache Mutter sofort genau weiß, was zu tun ist. 

Es gibt die Sprachbegabten, die toll formulieren können und trotzdem nicht mehr wissen, was der Unterschied zwischen waffentechnisch und sicherheitstechnisch ist. Und ob das verunfallte Wild wenn es noch lebt, einen Fangschuss erhalten soll. Im eigenen Revier. Kaum ist man sich einig, fragt Ausbilder Tiberius T: „Und was, wenn es ein Wolf ist?“ Und wieder macht sich Ratlosigkeit breit. Wer hat nochmal die Schnapsidee gehabt, den Wolf in`s Jagdrecht aufzunehmen? 

Apropos Jagdrecht. Das will auch noch überarbeitet werden. Der einzige Trost ist: man lernt richtige Jäger kennen und Jägerinnen. Menschen, die es letztes Jahr geschafft haben. Menschen, die endlich wieder ruhig schlafen können. Die nicht nachts um Eins nochmal das Handling-Video mit dem Drilling anschauen. Und hilfreich ist auch, dass der Kursleiter, ein Mann mit dem profunden Jagdwissen einer wandelnden Bibliothek, unerschütterlich Optimismus ausstrahlt. Mich erinnert er an einen früheren Bundestrainer, der ob seiner chancenlosen Zöglinge dennoch immer hoffnungsfroh blieb. Man hat diesem Mann des Waldes mitten im Wald eine eigene Sitzbank gewidmet. Ich widme ihm ein Lied: „Ein Olli Müller, es gibt nur ein’ Olli Müller, ein Olli Müüüüüllllaaaa“. Bei der Lossprechung, es wird da wieder Alkohol geben, werde ich dieses Lied schmettern. Dann unter Nennung des Klarnamens.